Chemnitz – (N)Ostalgie pur: Karl Marx

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Chemnitz – (N)Ostalgie pur: Karl Marx

In meinem letzten Beitrag habe ich die Innenstadt von Chemnitz, “Kulturhauptstadt 2025”, ausführlich bei einem Spaziergang durch die Fußgängerzone vorgestellt.
Eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt habe ich dabei unerwähnt gelassen. Zum einen liegt diese nicht im eigentlichen Innenstadtkern – zum anderen fand ich diese Sehenswürdigkeit so speziell, dass ich sie gesondert vorstellen wollte.
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Ich hatte mir für unseren Besuch in Chemnitz einen kleinen Parkplatz ganz unweit des Zentrums ausgesucht und dort tatsächlich noch einen Platz gefunden. Nach wenigen Metern Weg Richtung Innenstadt blieb ich abrupt stehen und glaubte zunächst nicht, was ich da sah:
Mein Blick fiel auf ein monumentales Denkmal – einen wirklich riesig großen Kopf.
Es stellte sich heraus: Es war der von Karl Marx – vor dem Hintergrund einer riesigen Tafel, mitten in ein großes Wohngebäude eingelassen. Zu lesen ist dort der sozialistischste aller sozialistischen Aufrufe aus dem Kommunistischen Manifest: “Proletarier aller Länder vereinigt Euch”! Und das in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache.

Das Karl-Marx-Denkmal ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Chemnitz.
Die über 7,1 m hohe, 40 t schwere und aus 95 Einzelteilen bestehende Bronzebüste steht auf einem 4,50 m hohen Granitsockel. Sie ist eine der größten Portraitbüsten der Welt. Eingeweiht wurde das Monument am 9. Oktober 1971.
Der Joke: Karl Marx war nie in Chemnitz und hat keinerlei Beziehung zu dieser Stadt. Trotzdem wurde Chemnitz am 10. Mai 1953 nach dem Willen der DDR-Staatspartei SED in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Die zerstörte Stadt wurde nach dem 2. Weltkrieg nach Plänen des sozialistischen Städtebaus wieder aufgebaut. Mit einem Monument zu Ehren von Karl Marx sollte diese Umwandlung in eine Stadt sozialistischen Typs betont werden. Die Bevölkerung selbst wurde nie dazu befragt.

Nach der Wende wurde alles rück abgewickelt: Karl-Marx-Stadt heißt nun wieder Chemnitz, die Karl-Marx-Allee wieder Brückenstraße. Das Marx-Monument wollte man abreißen. Erst als Städte aus aller Welt ihr Interesse an dem Denkmal bekundeten und aus Köln sogar ein konkretes Kaufangebot kam, besannen sich die Chemnitzer und ließen den Marx-Kopf da, wo er halt stand. Und so steht er da noch immer …
Von den Einheimischen wird der Marx-Kopf meist als „Nischel“ oder „Kopp“ bezeichnete. Es wird durchaus kreativ mit ihm umgegangen, was z.B. lustige und satirische Souvenirs zeigen. Der Kopf dient zudem als Kulisse für Kunst- und Werbeaktionen oder auch für Konzerte.

Ich war überrascht, wie viele Leute am Marx-Kopf anzutreffen waren. Der Besuch dort ist zum einen fester Bestandteil der Stadtführungen in Chemnitz. Aus diesem Grunde sah man erwartungsgemäß etliche Gruppen um Marx herumwandern.
Erstaunt hat mich dagegen, wie viele Einzelpersonen und Paare dort waren, um sich vor dem Denkmal fotografieren zu lassen oder dort Selfies von sich zu machen. Ganz ernsthaft taten sie das, ohne ein Anzeichen von Ironie oder Parodie. Erstaunlich: Als einmal wirklich eine Menge Leute dort waren, die sich vor dem Marx-Kopf ablichten wollten, bildete sich davor eine disziplinierte Schlange, damit jeder ungestört ein gutes Bild von sich ohne herumlaufende Menschen machen konnte.
Krönung war ein Brautpaar, sie ganz klassisch in Weiß, das tatsächlich Hochzeitsfotos vor dem Marx-Monument machen ließ.
Es scheint doch noch etliche Menschen zu geben, denen (der Kopf des alten) Marx viel zu bedeuten scheint. Alles ehemalige Ostler?
Ich als alte Westdeutsche stand allerdings doch etwas ratlos vor dieser Manifestation des alten DDR-Regimes …ㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤㅤ
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