In Memoriam

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In Memoriam

Was mich immer wieder an Berlin begeistert, ist unter anderem, dass es dort keine Ungewöhnlichkeit darstellt, an den unerwartetsten Orten plötzlich mit Dingen, Kunst und Aktionen konfrontiert zu werden, mit denen man nicht gerechnet hätte, nicht hätte rechnen können.

So z.B. im Oktober 2006 mitten in den Gängen der U-Bahnstation Alexanderplatz:

Im hektischen Hin und Her der Fahrgäste steht man plötzlich vor einem regelrechten Altar, wie man ihn im Fernsehen gelegentlich sieht, wenn ein unerwarteter Todesfall, vor allem der eines Kindes, Menschen dazu bewegt, Blumen, Kerzen, Spielzeug, Stofftiere etc. zum Gedenken zusammenzulegen.
Kitschig, bunt, sentimental, übersteigert – aber auch anrührend, so dass man stehenbleibt und schaut, worum es geht.
Genau so.

Dieser Altar, so stellt man allerdings überrascht fest, gilt jemandem, der schon lange tot ist, einer Künstlerin, die sicherlich kaum mehr eine Rolle im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit spielt: Ingeborg Bachmann.

Es geht eine eigentümliche Faszination von dieser unterirdischen Szenerie aus. Die gewollte Verfremdung durch die Konfrontation von Dingen, die so gar nicht zusammenpassen, macht aufmerksam: Eine solch kitschig-bunte Altarinstallation für eine so spröde Schriftstellerin wie Ingeborg Bachmann – das reizt zum erstaunten Lachen, zum Einspruch, macht aber auch neugierig.

Menschen, die sicherlich von nie von Ingeborg Bachmann gehört haben, halten inne, nehmen sich einige Minuten Zeit, um sich ihren Lebenslauf anzusehen, einem Video zu lauschen, in dem sie mit ihrer extrem monotonen und ausdruckslosen Stimme einen ihrer Texte rezitiert, ein Gedicht zu lesen oder einfach dieses quietschbunte Ensemble zu bestaunen und zu schmunzeln.

In diesem U-Bahn-Altar kommt auch Ingeborg Bachmanns berühmestes Gedicht zu Ehren:

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wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsere fragen und den schauer aller jahre
in die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn totenstille
eintritt

Es ist eindeutig: Die Menschen, die einen Blick auf diese Kunstinstallation geworfen haben – oder auch mehrere, gehen anders weiter, als sie zuvor gegangen sind.

Etwas ist geschehen.

“Nichts Schönres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.”
Vielleicht haben sie ja diesen Satz gelesen und mitgenommen …

Ingeborg Bachmann (* Juni 1926; † Oktober 1973)

 

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