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Persönlich

Sommerpause – und eine existentielle Frage

Hier gibt’s erstmal eine Sommerpause – und das aus mehreren Gründen:
Einer davon ist, dass es eben Ferienzeit ist.
Der wesentlichste Grund für die Pause aber ist die in mir ab und an – und eben jetzt wieder – aufkommende Krise, was das Fotografieren und seine Bedeutung (in meinem Leben) angeht:
In meinem dreieinhalbwöchigen Urlaub in Polen habe ich dreieinhalbtausend Fotos gemacht. Die damit verbundene Sättigung führt mich einmal wieder zu einem wesentlichen Problem, einer zentralen Frage, auf die ich bislang noch keine Antwort gefunden habe:
Was ist das mit dem Fotografieren, mit diesem Drang, auf diese Weise Situationen zu gestalten? Mir geht es dabei nie um Erinnerungsfotos, im Gegenteil: Die fertigen Bilder interessieren mich oft gar nicht mehr.
Es geht wesentlich um den Akt des (individuellen, subjektiven) Gestaltens im lebendigen Augenblick. Warum will ich den nicht einfach “nur” erleben und genießen – was ich durchaus tue? Warum versuche ich darüber hinaus – und das in intensiver Weise – in und mit diesem lebendigen Moment auch noch eine “neue”, eigene (Ausdrucks-) Wirklichkeit schaffen?
Vollends zu denken gegeben in diesen jetzt zum wiederholten Male aufgekommenen Fragen hat mir dann noch ein Satz, den ich passenderweise “zufällig” in der letzten Woche gelesen habe; es geht um eine Situation, eine Szene, die der Betreffende unterwegs erlebt:
“Obwohl ich weder die Geschichte der Frau oder des Bauern erfahren werde, noch ein paar Lilien mit mir nehmen werde, um mein Haus mit ihnen zu schmücken, fühle ich, dass ich in ihren Raum eingetreten, in ihre Welt hineingegangen bin; sie sind nicht nur Szenen, die an meinen Augen vorübergezogen sind. Der Versuch, sie zu fotografieren, würde bedeuten, sie zu entweihen, ihre Anwesenheit zu betrügen, sie in hohem Maß zu benutzen.” (Lee Hoinacki)

Für Meinungen zu diesem Thema und Impulse zu diesen mir wirklich existentiellen Fragen wäre ich dankbar.
Zusätzliche Frage: Ist das Fotografieren als “künstlerische” Aktion und Ausdrucksweise wesenhaft verschieden vom Malen, Bildhauern, Schreiben etc.?

 

 

 

7 Kommentare

  1. Für mich ist Fotografieren neben anderen Dingen auch eine Möglichkeit, die Schönheit eines Anblicks zu isolieren und zu teilen. Diese eine rote Blume mitten auf einem geschäftigen Platz – ich kann auf die rote Blume zoomen, und das Schöne zeigen. Ich kann im grauen Februar mit der Kamera auf die Jagd nach Farben gehen, ich kann Geschichten erzählen. Und je nach Medium (Instagram, Lomography, DSLR) sieht das dann ganz verschieden aus und erzählt auch verschiedene Geschichten. Mit Instagram halte ich schöne Alltagsmomente fest, und mit Lomo male ich Träume. Mit DSLR dokumentiere ich mehr…

    Ein bisschen kommt auch dazu, dass ich in Australien wenige Fotos gemacht habe, und die meisten habe ich auch noch verloren. In meinen vier Wochen in Perth habe ich genau ein Foto gemacht, und das ist jetzt auch weg. Ich hätte gerne Erinnerungen an diese Zeit, die über jene in meinem Herzen hinausgehen.

    • speysight

      Dass da immer persönliche Gründe da sind, das ist keine Frage: “Ich” “will” etwas, sonst würde ich es nicht tun.
      Aber was ist mit der Situation? Ihrer Würde? Ihrer Intensität? Dem Eins-Sein im Moment, eben MIT dieser Situation? Wird die durch das Fotografieren nicht zerstört? Wird nicht im Akt des Aufnehmens und Gestaltens Wirklichkeit benutzt und verändert, statt dass man sich ihr im Erleben einfach hingibt?

    • Ich weiß nicht, ob sie zerstört wird. Die Situation wird anders, ja. Aber ob du sie dadurch zerstörst, obliegt doch deiner eigenen Wertung?
      Wenn du z.B. mit J essen gehst, kannst du dich auf das Essen konzentrieren und auf das Gespräch. Du kannst aber auch einen Teil (!) deiner Aufmerksamkeit auf die Ästhetik des Auges legen und eben das fotografisch festhalten. Das verändert die Situation, aber es zerstört sie nicht zwangsläufig.

  2. Ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Hast du schon mal drüber nachgedacht analog zu arbeiten ?

    lg Bastian

    • speysight

      Natürlich habe ich früher analog gearbeitet, ich fotografiere ja schon seit ein paar Jahrzehnten … Da hatte ich von Zeit zu Zeit genau dasselbe Problem. Es geht ja prinzipiell um die “Aufspaltung” des eigenen Seins zwischen Erleben und Gestalten in der lebendigen Situation. Einmal habe ich sogar zwei Jahre lang keine Kamera angerührt.
      Eigentlich ist es ein spirituelles Problem.

      Ich habe jetzt einiges an Literatur gefunden, die vielleicht Impulse gibt. So habe ich – erst heute und so kann ich noch nichts dazu sagen – ein Buch gekauft mit dem Titel “Fotografie als Meditation” von Thorsten A. Hoffmann mit Kapitelüberschriften, die mich hoffen lassen, Relevantes zum Thema zu finden: “Fotografie – ein Leben aus zweiter Hand?”, “Fotografie als direkte Erfahrung”, “Die Dualität auflösen” oder “Eindruck und Ausdruck”. Mal sehen.

      Dann gibt es ein Essay “Die helle Kammer” (La chambre claire, Paris 1980) des französischen Philosophen Roland Barthes, das wahrscheinlich in dem Zusammenhang lesenswert ist.

      Wie gehst Du damit um?

      :-)
      speysight

  3. Midas-Buddel

    Photografieren kann sein: ein spiritueller Akt im subjektiven Wahrnehmungswillen, die Suche nach der absoluten Aussage und die Heiligung des Augenblicks in Raum und Zeit.

    Ist das Bild zufriedenstellend erlebt, folgt mit einiger Verzögerung die ernüchternde Rückbildungsphase: eigentlich braucht man das Bild nicht nochmals anschauen, alles Wichtige ist vollbracht.

    Das latente Bilderlebnis in Kopf und Seele im schöpferischen Prozess wirkt lange nach.

    Vermutlich tut Photografieren einfach der Seele gut.

    • speysight

      Ganz herzlichen Dank für diesen Kommentar, den ich eindeutig auf der Ebene meiner Fragestellung erlebe und in dem ich mich tatsächlich wiederfinden kann.

      Neben all dem von Ihnen/Dir oben Gesagten ist das Fotografieren wohl auch der Versuch der Einswerdung mit der Situation. Vielleicht ist das sogar der Kern des Ganzen. Dazu brauchte es eigentlich diese zusätzliche Aktivität gar nicht, aber Einswerdung ist ja nun mal an keine spezielle Art und Weise des (Er-) Lebens gebunden und geschieht, wann immer sie geschieht – und eben sehr individuell.

      Es ist auch tatsächlich so, dass die Bilder nach dem Akt des Fotografierens in mir sofort schon wieder losgelassen werden. Gleichzeitig (und trotzdem) weiß ich nach Jahren noch genau, wo ich welches – sogar auch “abstrakte” – Foto aufgenommen habe.
      Wenn ich für einen bestimmten Inhalt/Text eine Bebilderung brauche, so steigen in mir sofort und eindeutig Bilder von passenden Fotos auf, die z. T. viele Jahre alt sind und bei ganz unterschiedlichen Gelegenheiten aufgenommen wurden.

      Die Bilder leben in mir.

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